Was heißt Reformation heute?

9,5 Thesen zum 31. Oktober 2017 aus ökumenischer Sicht

Hans-Georg Link

 

I

1. „Was Christum treibet“

Zu den bleibenden Errungenschaften der Reformation gehört es, „was Christum treibet“ (Luther) wieder in den Mittelpunkt des Christseins gerückt zu haben. Ebenfalls gehört es zu den erfreulichen Ereignissen im Jahr 2017, dass vielerorts „Christusfeste“ in ökumenischer Gemeinschaft gefeiert worden sind. Sie können als regelmäßige gemeinsame Wort-Gottes-Feiern fortgesetzt werden, zB. an Epiphanias, zu Pfingsten oder an Buss- und Bettag. Gott gemeinsam zu loben, verbreitet  positive Energie.

2. Erneuerung und Spaltung zugleich

Es war seit 1520 Luthers erklärtes Ziel, die Kirche seine Zeit insgesamt an Haupt und Gliedern zu erneuern. Stattdessen standen sich nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 zwei Konfessionen feindlich gegenüber. Das Anliegen der Reformation war die Kirchenerneuerung, ihr Ergebnis die Kirchenspaltung. Heute geht es darum, den reformatorischen Erneuerungsimpuls in allen Kirchen zur Geltung zu bringen und von Kirchenspaltung zur Kirchengemeinschaft vorzustoßen. Nach 500 Jahren bedarf es dazu mutiger ökumenischer Schritte, „alles gemeinsam zu tun“, was nicht getrennt getan werden muss (Lunder Diktum von 1952). Heute muss nicht das gemeinsame, sondern das getrennte Handeln der Kirchen begründet werden.

 
3. Rechtfertigung: gegenseitige Akzeptanz

Luther hat bekanntlich seine reformatorische Entdeckung in  der Lehre von der Rechtfertigung des Sünders zusammengefasst. Der katholische Theologe Paul Zulehner hat sie für uns heute mit der Formulierung auf den Punkt gebracht: „Du bist geliebt trotz deines Versagens vor aller Leistung.“ Weil ich grund-legend geliebt bin, kann ich mein eigenes Leben als Geschenk und Chance annehmen. Weil ich mich nicht selbst zu rechtfertigen brauche, brauche ich den Anderen auch nicht als Konkurrenten zu begegnen, sondern kann sie als Gottes Geschenk und Bereicherung akzeptieren.

Weil alle Christen und Kirchen zum Leib Christi gehören, können sie sich gegenseitig als Glieder des einen Leibes Christi und als „Kirchen im eigentlichen Sinn“ annehmen. Im Kern reformatorischer Lebensgestaltung geht es um den Geist grundsätzlicher Akzeptanz des eigenen und anderen Lebens sowie der Kirchen untereinander. Heute kommt es darauf an, Rechtfertigung von der anthropologischen auf die ekklesiologische Ebene auszuweiten und mit der Frage nach Gerechtigkeit auf der Erde zu verbinden.

 

II

4. Rezeptiver Ökumenismus: einander aufnehmen

Nach Jahrhunderten der gegenseitigen Bekämpfung im konfessionellen Zeitalter (1555-1948) ist es ein Geschenk des Heiligen Geistes, dass die Kirchen seit rund 70 Jahren wieder aufeinander zugehen. Die ökumenische Leitfrage lautet heute nicht mehr: Was muss die andere Kirche erbringen und erfüllen, damit wir sie anerkennen können? Sondern: Was können wir von den anderen Kirchen lernen, damit wir miteinander überzeugender als Leib Christi leben können?

Der so genannte „Rezeptive Ökumenismus“ beginnt, sich seit etwa 10 Jahren von England aus auf andere Länder auszubreiten. Er besteht im Kern darin, Abgrenzungen voneinander in Geschenke füreinander zu verwandeln. Die Kirchen im Land der Kirchenspaltung können darin Vorreiter sein, voneinander zu lernen und miteinander Schritte zur gegenseitigen Rezeption zu vollziehen. Nachdem die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sich reformatorischen Anliegen etwa im Blick auf die Heilige Schrift zugewandt hat, ist es heute an der Zeit, dass evangelische Kirchen sich den Sakramenten in neuer Weise öffnen.

 
5. Erinnerungen heilen: Luthers Exkommunikation

Die Kirchen haben am 11. März 2017 in Hildesheim einen wegweisenden ökumenischen Buss- und Versöhnungsgottesdienst gefeiert unter der Überschrift: „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“. Zu diesem verheißungsvollen Weg der „Heilung der Erinnerungen“ gehört auch die Aufarbeitung der Exkommunikation Martin Luthers und seiner Anhänger durch Papst Leo X. am 3. Januar 1521.

Denn es ist den früheren und heutigen rund 70 Millionen evangelisch-lutherischen Christen nicht zuzumuten, dass Martin Luther in der römisch-katholischen Kirche unwidersprochen offiziell als exkommunizierter „Ketzer“ gilt. Es ist auch für die katholische Kirche nicht denkbar, mit einer Kirche in verbindliche Gemeinschaft einzutreten, deren Leitperson aus der eigenen Kirche verbannt worden ist. Daher ist es auf dem Weg zu voller Kirchengemeinschaft unumgänglich, dass sich die römisch-katholische Kirche heute in angemessener Weise offiziell zu Luthers Exkommunikation äußert. Nach 500 Jahren bietet sich das Jahr 2021 an, um diese Wunde der Erinnerung end-gültig zu heilen.

 
6. Der Bischof von Rom: ökumenischer Repräsentant

Aus Enttäuschung über die Verdunkelung des Evangeliums und verweigerte Reformen hat Luther die Päpste seiner Zeit mit dem Verdikt „Antichrist“ belegt. In der ökumenischen Studie „Lehrverurteilungen – kirchentrennend?“ I von 1986 ist schon vor über 30 Jahren festgehalten worden: „Der Papst ist nicht der Antichrist“ (S. 167). Stattdessen haben die Erfahrungen mit den neueren Päpsten seit Johannes XXIII. dazu geführt, den Bischof von Rom zunehmend als Brückenbauer (Pontifex) zwischen den Kirchen und Repräsentanten der Christen gegenüber anderen Religionen und politischen Instanzen wahrzunehmen und zu respektieren.

Es ist an der Zeit, dass evangelische Christen und Kirchen ihre Vorurteile und Reserven gegenüber der Institution des Papsttums überdenken und zu einer neuen Akzeptanz der ökumenischen Rolle des Bischofs von Rom gelangen. Die Christenheit braucht heute mehr denn je einen ökumenischen Repräsentanten gegenüber der Welt.

 

III

7. Neue Herausforderungen im 21. Jahrhundert

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts befinden wir uns in einem gesellschaftlichen und kulturellen Umbruch, der durch  Stichworte wie Säkularisierung, Globalisierung und Klimawandel gekennzeichnet ist. Damit sind Dimensionen des Zusammenlebens auf der Erde angesprochen, die von keiner Kirche mehr allein gemeistert, sondern nur noch von ihnen gemeinsam bewältigt werden können.

Die Säkularisierung stellt alle Kirchen vor die Frage, wie sie in einer „mündig gewordenen Welt“ (Dietrich Bonhoeffer) glaubwürdig von Gott reden und Zeugnis geben können. Namentlich die wirtschaftliche Globalisierung von Armut und Reichtum fordert die Kirchen heraus, der Gerechtigkeit Gottes auf der Erde eine Gasse zu bahnen, deren Ziel auf das friedliche  Miteinander ausgerichtet ist. Der Klimawandel zwingt dazu, die kosmische Dimension des christlichen Glaubens wiederzugewinnen und zur Heilung unserer tödlich bedrohten Schöpfung beizutragen. Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts rufen nach einer substantiellen theologischen Antwort im Blick auf den Schöpfer-Gott, den Christus der Barmherzigkeit  und den Geist der Gemeinschaft.

 
8. Gespräche zwischen monotheistischen Religionen

Schon Luther hat sich mit den Juden und dem Islam auseinandergesetzt, meistens als Gefahren, von denen es sich abzugrenzen galt. Heute sind die drei Weltreligionen einander so nahe gerückt und ihre jeweiligen Gefahrenpotenziale so groß geworden, dass sie zu einem Dialog genötigt sind, wenn sie nicht selbst zu einer Bedrohung des Weltfriedens werden wollen.

Das amerikanische und europäische Gespräch zwischen Juden und Christen hat in den vergangenen Jahrzehnten zu Respekt, Entspannung und gegenseitiger Bereicherung beigetragen. Der Dialog mit dem Islam braucht hingegen  dringend eine Intensivierung, um Fremdheit, Ängste und Lebensbedrohungen abzubauen. Alle drei monotheistischen Religionen sind herausgefordert, im Namen des einen Gottes der einen Welt, in der wir leben, kräftige Impulse zum Frieden und Überleben zu vermitteln. Hans Küng hat gesagt: „Kein Weltfriede ohne Religionsfriede; kein Religionsfriede ohne Religionsdialog.“ Ich füge hinzu: Kein Religionsdialog ohne Anerkennung der anderen als Gottes Geschöpfe und Gegenüber für das gemeinsame Gespräch.

 
9. Konziliare Gemeinschaft der Kirchen

500 Jahre nach ihrem Auseinanderbrechen haben die Kirchen heute noch keine gemeinsame Zielperspektive gefunden. „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ist auf die Dauer ein zu statisches Modell, das die Kirchen versöhnt nebeneinander leben lässt, ohne zu sichtbarer Gemeinschaft vorzustoßen. Katholische Gemeinschaft unter dem Papst lässt evangelischen und orthodoxen Kirchen zu wenig Luft zum Atmen. Stattdessen bleiben Kirchen in konziliarer Gemeinschaft selbstständig erhalten und bewegen sich mit konziliaren Prozessen und Strukturen aufeinander zu.

Konziliare Versammlungen wie die Vollversammlungen des Ökumenischen Rates der Kirchen und Europäische Ökumenische Versammlungen sind Zwischenschritte auf dem Weg zu voller konziliarer Gemeinschaft. Sie wird auf Gemeindeebene mit Gemeindepartnerschaften am Ort eingeübt und regional mit Partnerschaften zwischen Diözesen und Landeskirchen weitergeführt. Der nächste notwendige Schritt ist eine konziliare Versammlung im Jahr 2021 zur Überwindung von Exkommunikationen und Lehrverurteilungen.

 
9.5 Eine ökumenische Reformation?

Kirchen, die nach 500 Jahren im Jahr 2017 das eine Evangelium und die eine Taufe miteinander teilen, entdecken ihre gemeinsame Sendung, „damit die Welt glaube“. Das gemeinsame eucharistische Mahl wird nicht von Kirchenleitungen verboten oder erlaubt, sondern von Christen auf dem Weg der Nachfolge Jesu dankbar empfangen.

Das Gebot der Stunde ist daher eine ökumenische Reformation, in der die beteiligten Kirchen und Christen miteinander einen Lernprozess beginnen, konziliar zu denken, zu leben und zu handeln. An ihrer Bereitschaft dazu entscheidet sich, ob das Jahr 2017 eine Eintagsfliege bleibt oder den Weg zur eccesia semper reformanda eröffnet.

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