Entdeckte und noch ungehobene Schätze der Kirchen

Wittenberger ökumenischer Aufruf der deutschen Region der Internationalen Ökumenischen Gemeinschaft (IEF) 2017 an die Kirchenleitungen und Gemeinden in Deutschland

Wir feiern in Wittenberg , an der Wiege der Reformation, den 50. Geburtstag der Internationalen Ökumenischen Gemeinschaft (IEF), denn am 7. September 1967 wurde unsere west- und mitteleuropäische Basisbewegung im schweizerischen Fribourg aus der Taufe gehoben. Sie ist ein
Kind des Zweiten Vatikanischen Konzils, das seit seinem Gründungsimpuls die Absicht verfolgt:
Durch Gebet, Studium und Aktion sucht die IEF, der Bewegung zur sichtbaren Einheit der Kirche zu dienen.

 

I. Entdeckungen
Auf diesem Weg haben wir in den vergangenen 50 Jahren miteinander erfreuliche Entdeckungen gemacht: Wir haben mit Jan Hus und Martin Luther und dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Bibel als Schatzkammer unseres gemeinsamen Glaubens schätzen gelernt. Wir haben den spirituellen Reichtum unserer katholischen, protestantischen und orthodoxen Traditionen wiederentdeckt. Wir haben begeisternde ökumenische Gottesdienste miteinander gefeiert, in denen wir auch beglückende eucharistische Gastfreundschaft erfahren haben. Wir sind mehr und mehr zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen, die sich gegenseitig im Gebet stärkt und trägt. Wir haben bei unseren internationalen Konferenzen die bereichernde Vielfalt der Kirchen in Europa kennen und lieben gelernt. So sind wir zu einer internationalen geistlichen Gemeinschaft geworden, die in der Nachfolge Jesu Christi die Seele Europas wieder zu entdecken und zu neuem Leben zu erwecken
sucht.

II. Spuren
Hier in Wittenberg haben wir uns vom 21. bis 28. August 2017 miteinander auf die Spur des Evangeliums gemacht. Wir haben uns dabei von Luthers These 62 aus dem Jahr 1517 leiten lassen: „Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“ So setzen wir uns dafür ein, dieses Evangelium von Gottes Barmherzigkeit zu leben und unsere Kirchen zu Orten wechselseitiger Annahme und Versöhnung zu machen. In der Spur Martin Luthers haben wir das Gespräch über seine Entdeckung des gnädigen Gottes begonnen und möchten sie in unserer zunehmend gnadenlos werdenden Leistungsgesellschaft mehr zur Geltung bringen. Wir haben etwas von Gottes zurecht bringender Gerechtigkeit erfahren und fragen danach, wie sie in unserer von Ausbeutung und Ungerechtigkeit geprägten Welt allen Geschöpfen auf der Erde zugute kommen kann.

III. Vorschläge
Das Motto unserer IEF lautet: „Heute die Kirche von morgen leben.“ Wir versuchen, es im Geist des so genannten Diktums von Lund 1952 umzusetzen, „in allen Dingen gemeinsam zu handeln“, wo dies schon heute möglich ist. Wir haben in dieser Wittenberger Woche Gottes Geist der Gemeinschaft unter uns wirksam gespürt und unterbreiten deshalb folgende Vorschläge:

1. Wir haben die Freude täglicher ökumenischer Gottesdienste erlebt und schlagen vor, dass in regelmäßigen Abständen, z.B. auch an Sonntagen, ökumenische Gottesdienste aller an einem Ort vorhandener Gemeinden gefeiert werden.

2. Wir haben in einer Versöhnungs- und Taufgedächtnis-Liturgie die gemeinsame Grundlage der einen Taufe vergegenwärtigt und schlagen vor, die Taufe in allen Kirchen gegenseitig anzuerkennen, das Taufgedächtnis regelmäßig zu begehen und gemeinsame Taufgottesdienste anzubieten.

3. Wir haben die beglückende Erfahrung der Gemeinschaft am Tisch des Herrn gemacht und schlagen vor, dass unsere Kirchen einander Mahlgemeinschaft gewähren.

4. Im Rahmen einer Thomas-Messe haben wir als Zeichen gegenseitiger Wertschätzung nach dem Vorbild Jesu die „Fußwaschung“ vollzogen und schlagen vor, gegenseitiges Fußwaschen als ökumenische Zeichenhandlung in unseren Gemeinden einzuführen.

5. Wir haben auch über die seit Jan Hus und Martin Luther einander zugefügten Wunden bis hin zu wechselseitigen kriegerischen Verletzungen gesprochen. Wir regen an, dass zur „Heilung der Erinnerung“ die römisch-katholische Kirche in Anlehnung an ihre Erklärung zu Jan Hus die
Exkommunikation Martin Luthers und „aller anderen…, die diesem Martinus nachfolgen“ (Bannbulle vom 3. Januar 1521), aufhebt.

6. Wir haben in Wittenberg erlebt, dass in dieser Stadt der Reformation heute die Christen eine kleine Minderheit ausmachen. Deshalb halten wir es für dringend geboten, dass sich unsere Kirchen und Gemeinden zu einer überzeugenden Zeugnisgemeinschaft im Alltag unserer säkularen und multireligiösen Welt zusammenfinden. Wir bekräftigen, was die IEF schon vor 10 Jahren in Pisek als Selbstverpflichtung auf die Charta Oecumenica erklärt hat: „In einem säkularisierten Europa mit seiner Orientierungskrise und dem Verlust christlicher Werte ist nur das Zeugnis einer ungespaltenen Christenheit glaubwürdig.“ Zugleich brauchen wir das Gespräch mit den Nicht-Christen.

7. Wir haben in der Wittenberger Ökumenischen Versammlung das Wehen des Heiligen Geistes verspürt, der bekanntlich weht, wo er will. Damit wir ihm den Weg bereiten, in unseren Gemeinden, Kirchen und öffentlichen Räumen zum Zuge zu kommen, schlagen wir vor, Pfingsten, das Fest des Geistes, zum Fest der Gemeinschaft unter allen Christen werden zu lassen und den 2. Pfingsttag offiziell und verbindlich zum Tag der ökumenischen Begegnungen zu erklären.

8. Wir haben im Schlussgottesdienst unserer Tagung am Sonntag, 27.August, in der Wittenberger Stadtkirche das Wunder eines festlichen Abendmahlgottesdienstes nach der ökumenischen Lima- Liturgie erlebt, mit Beteiligung aller in der IEF vertretenen Konfessionen – Katholiken und Orthodoxe, Protestanten und Anglikaner, Landeskirchler und Freikirchler – und ihrer bischöflichen und leitenden Repräsentanten! Bischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der EKD, brachte es in seiner Predigt über das Jesuswort „Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh 6,30 – 37) auf den Punkt: „Wir ersehnen eine Kirche, die in einer solchen (sc. aus den Fugen geratenen) Welt in Wort und Tat die Liebe Gottes bezeugt. Eine solche Kirche kann nie und nimmer eine Kirche bleiben, in der diejenigen, die sich doch als Schwestern und Brüder ansprechen, am Tisch des Herrn getrennt bleiben. Eine solche Kirche muss neu auf ihren Herrn Jesus Christus hören.“ – Wir regen an, auch vor Ort unserer
jeweiligen Gemeinden das Wagnis und die Freude gemeinsamer Abendmahlsfeiern nach der Lima-Liturgie einzugehen.

Wir wollen nach 50 Jahren nicht klagen über das, was noch nicht möglich ist, sondern die heutigen Möglichkeiten entschlossen ergreifen und so schon heute die Kirche von morgen leben. Kardinal Walter Kasper hat es am 30. Juni 2016 in München so ausgedrückt: „Wer anderes als wir Christen ist berufen, Zeugen der Hoffnung zu sein für ein neues Miteinander der Christen in Europa. Nicht Bedenkenträger, Hoffnungsträger sollen wir sein. Jesus Christus ist mitten unter uns; er geht uns voran. Sein Geist ist mit uns. Nicht Angst, Hoffnung ist angesagt.“

Für die Mitgliederversammlung der deutschen Region
der Internationalen Ökumenischen Gemeinschaft (IEF)

Dr. Hans-Georg Link
Präsident

Dr. Rudolf Weth
Vizepräsident

Wittenberg, 28. August 2017

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Regionaltagung in Ellwangen 2018

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